Endlich mal interessant – das neue “Panorama”!

Vor einigen Tagen wurde die neue Ausgabe (5/2013) des Magazins des Deutschen Alpenvereins Panorama veröffentlicht, wie ich finde eine der lesenswertesten Ausgaben der letzten Jahre. Und der Inhalt ist nicht nur hochinteressant, sondern auch besonders relevant. Titelthema: “Alpen unter Druck – Erschließung & Tourismus”.

"area 47"

Der Funpark “area 47” im Ötztal. Foto: Alex Klemmer, Panorama 5/13

Eingeleitet wird das Thema mit einem Bericht unter dem Titel “Die Landschaft, die wir uns leisten” von Axel Klemmer, der bei einer Wanderung durchs Ötztal auch vor den weniger sehenswerten, den unschönen und absurden Seiten der Besiedelung die Augen nicht verschlossen hat. Er beschreibt u.a. die Entwicklung hin zu einer der besterschlossenen Tourismusregionen Österreichs und die Infrastruktur, die von dieser benötigt wird. Dabei fällt sein Blick auch und gerade auf Schandflecken, auf Baustellen, abweisende Einfamilienhaussiedlungen, Kläranlagen, Wertstoffhöfe und stellt etwa fest:

Wer wissen will, ob es den Menschen gut geht, muss sich ihre Wertstoffhöfe anschauen.

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SellaRonda bikeday 2013

Vor kurzem hatte ich das Vergnügen an einem Spektakel der angenehmeren Art teilzunehmen, dem SellaRonda (ECO) bikeday, bei dem die berühmte Runde einmal um das Sella-Massiv herum für den Kraftverkehr gesperrt ist. Als begeisterten Rennradler hat mich dieser Rundkurs über 4 Dolomitenpässe einfach unwiderstehlich angezogen. Hiervon will ich euch einige Impressionen nicht vorenthalten.

SellaRonda 2013

Hauptsache bergauf. Die “Sella Ronda”. (Foto: Val Gardena – Gröden Marketing)

Gestartet bin ich, nach Anreise mit dem Zug, in Mittenwald und hatte zuerst einmal das Inntal und den Brennerpass zu überqueren, was sich aufgrund anfänglichen Regens aus einer Kaltfront eher mühselig gestaltete. Erst ab Innsbruck wurde das Wetter besser. Dafür warteten am Brenner nerviger Verkehr und dank des ungewohnten Gepäcks keine einfachen Höhenmeter auf mich.

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Remarkable Videos

Found on “The Adventure Blog”:

No need for too much description.

First, an advertisement video of the modern sort, stimulating almost all desires that drive us into nature or resp., adventures.

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The next one contrasts in a somewhat rough but nonetheless true and vivid way unsatisfying all-day life, especially work life, with its opposite, leisure time filled up with adventure activites that appear somehow satisfying or even as means for reaching happiness.

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Without any comment, a flying eagles point of view over the Mer de Glace area.

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IMS 2013 – preview

Der International Mountain Summit 2013 in Brixen wird wieder hochspannend und “hochkarätig“ besetzt sein. Deshalb werde ich dieses Jahr wieder vor Ort sein und von dort berichten – “live and fast“ sozusagen. Es fällt mir zwar nicht so leicht einen Kongress namens “Kiku.International.Mountain.Summit“ – so der genaue Titel der Veranstaltung – ernst zu nehmen. Die Art der Benennung und das Voranstellen des Sponsors sind gleichermaßen dümmlich. Aber in Anbetracht der Gäste führt am IMS dieses Jahr wohl kein Weg vorbei. Neben Hans-peter Eisendle, Oswald Oelz, und Norman Dyhrenfurth ist für mich vor allem Catherine Destivelle ein Highlight. Mit ihr warb die IMS-Homepage bis vor kurzem auch als “Die Sexy-Kletterin“, leider habe ich versäumt, das graphisch festzuhalten. Ob Destivelle die Reduktion auf ihr Außeres auch für einen geeigneter Werbe-Aufhänger hält, wird sich ja im Rahmen der Veranstaltung vielleicht auch von ihr persönlich herausfinden lassen.

Anschauen kann man sich schon das umfangreiche Programm.

Walter Bonatti – Nachruf & Erinnerung

Viele haben die Gründe und Motive ihrer Flucht in und auf die Berge ausgesprochen oder zumindest erahnen lassen. Kaum einer aber hat sie so offenherzig  mit der Welt geteilt wie Walter Bonatti. Heute vor 3 Jahren ist er gestorben.

Er war nicht nur ein wahrer Meister seines Sports, sondern auf eine Weise sogar auch Lehrmeister und Idol, Steinbruch der Weisheit und damit für mich natürlich auch ein Zitatesteinbruch. Sein Verständnis und seine Vision des Alpinismus waren inspirierend für viele, aber für viele auch Steine des Anstoßes. Er hatte angeeckt, viele Rückschläge hatte er hinnehmen müssen, wurde nach der italienischen K2-Expedition, an der er 1954 teilnahmen, mit falschen Anschuldigungen überhäuft, erst spät offiziell rehabilitiert. Letztlich kann man wohl sagen und er tut es ja selbst, dass er zwar kein leichtes, aber dennoch ein erfülltes Leben hatte. Seine Klettereien machten ihn schon in seinen Lebzeiten zu einer Art Legende. Nicht nur das, es waren ihm außerdem die seltene Fähigkeit und die Möglichkeit vergönnt – und beides benötigt man dafür – ein frühes, selbstgewähltes Ende des Alpinismus zu finden. Mit seinem berühmte Winter-Solo in der Matterhorn-Nordwand schloss er dieses Kapitel ab. Zwar brach er mit dem Alpinismus nicht gänzlich, aber zog sich selbst zumindest aus ihm zurück, sagte ihm mit 35 Jahren das Lebewohl,  das Ausdruck jener Rückschläge und jener Schelte war, Ausdruck einer Unzufriedenheit, aber auch des Gespürs dafür, dass die Zeit einfach reif war, sich vom Alpinismus – nicht von den Bergen – zu verabschieden und den Horizont zu erweitern, neue Gefilde aufzusuchen und damit auch, durch eine Ausdehnung des Interesses auf die ganze Natur, wie er sagte, die eigene Persönlichkeit zu erweitern. (1)bonatti_NDarticle  Dass ihm die Entfaltung der ganzen individuellen Persönlichkeit wichtiger war, als Ruhm, Glanz, Ansehen, Reichtum, aber auch wichtiger als die banalen Güter, Freuden und Gepflogenheiten des Alltags, die diese Entfaltung verhindern, machte einen Teil dieser Inspirationskraft aus. In seinem verschriftlichten Lebewohl, das als Kapitel am Ende seines Buches “Berge meines Lebens” erscheint, sagt er:

»Ich werde auch sagen können, dass ich in meinem Leben unablässige Auflehnung empfand gegen die beschränkten Horizonte, die Routine, die Banalität, gegen alles, was die Persönlichkeit herabsetzt.« (2)

Inspiration in Worten und Taten

Von Andrea Oggioni – in der berüchtigten Tragödie am Freney-Pfeiler ums Leben gekommener Seilgefährte Walter Bonattis – hielt letzterer einen bezeichnenden Ausspruch fest, der in einer der wohl grauenvollen, sturmumtosten Biwaknächte fiel:

»Wir Alpinisten sind wirklich arme Kerle …  bei all den schönen Dingen, die es in der Welt gibt, bringen wir uns in solche Situationen!« (3)

Bonatti selbst dürfte sich wohl Zeit seines Lebens ähnliche Gedanken gemacht haben und in der Nordwand des Matterhorns 1965 nicht zum ersten Mal gefragt haben, ob er »an diesem Punkt nicht die Grenzen der Vernunft überschritten und das Schicksal aus purem Stolz herausgefordert« habe. Er dachte aber auch an das Leben im Tal:

»Ein leichtes Leben, eine verlockende Vorstellung für jemanden, der wie ich zwischen Himmel und Erde hängt. Aber es ist auch ein banales, enttäuschendes Leben, und um ihm zu entfliehen, bin ich hier aufgestiegen.« (4)

Ein enttäuschendes Leben.

Es lässt einen nicht los, mit seinen Fängen. Es ist geradezu wie ein Gefängnis. Und wir versuchen die Flucht vor ihm, oder jedenfalls vor unseren Problemen oder dem Alltag, wie auch immer man es sehen möchte. Wir alle, jeden Tag. Nur eben in verschiedensten Formen. Die Flucht in die Berge ist nur eine Möglichkeit, eine offensichtlichere. Andere flüchten sich in alle Welt, in den Urlaub, in die Abgeschiedenheit. Wieder andere flüchten sich sinnbildlich, dabei auch – paradoxerweise – in den Alltag selbst, oder genauer, in die Arbeit, oder in Religion und Sekten, Esoterik, das Familienleben, die privatistische Vereinzelung zu zweit, in Genuss – Essen, Trinken, Drogenkonsum – oder aber die Optimierung des eigenen Körpers.

Vordenker des Alpinismus

Walter Bonatti fand seinen eigenen Weg, einen sehr ehrlichen und sehr faszinierenden, wie ich finde. Er ging ihn aufrecht und stolz, dabei zugleich umsichtig und sensibel, aber auch nicht unberührt von Fehltritten, Zweifeln und Erschütterungen. Natürlich stolperte er auch über Widersprüche, aber er brachte sie auf eine Weise zum Ausdruck, in der seine ganze Menschlichkeit und seine Persönlichkeit sprach.

Mögen seine bewegenden Taten und Gedanken, seine Visionen und seine Idee  des Alpinismus, kurz seine große Persönlichkeit noch lange Widerhall finden, in den Bergen, wie bei den Menschen, als Inspiration für das eigene Denken und Handeln.

Denn eines bleibt, zumindest im Tal: Es ist ein enttäuschendes Leben.

Hiermit ein großes Prost auf Walter Bonatti, einen der großartigsten Alpinisten, der je gelebt hat und heute 83 Jahre alt geworden wäre.

(1) Walter Bonatti, Die Berge meines Lebens. Malik, München, 2. Aufl., 2012 , S. 371

(2) ebd. S. 374

(3) ebd. S. 255

(4) ebd. S. 358

 

Action is over…

…talking is on. Genau genommen ist der Urlaub vorüber und er war, wer hätte es gedacht, natürlich wie immer zu kurz. Da in den Bergen des Pitztals aufgrund des schlechten Wetters nichts ging außer ein Besuch im Taschachhaus, hier ein paar Worte zur gelesenen Literatur.

Max Frischs “Antwort aus der Stille” entpuppte sich zwar leider nur als autobiografisch angehauchte und durch die Bergsteiger-Erfahrungen des Autors aufgepeppte Prosa in Bergumgebung, die durch eine fadenscheinige Liebesglosse teils sehr enervierend war, womöglich der Jugend (oder Frische) des Autors geschuldet. Allerdings gelang es Frisch in dieser Erzählung in sprachlich ansprechender Form, die Zerrissenheit eines jungen Menschen aufzuzeigen und seine seelischen Zustände zu beschreiben, die zum einen von brennendem, gar todesverleugnenden Ehrgeiz, zum anderen von schier unerträglicher Orientierungslosigkeit geprägt sind. Ein von Selbstzweifeln geplagter Bergsteiger, Ende zwanzig, ohne jede Ausbildung, zwei Wochen vor seiner Heirat stehend, zieht los auf seine womöglich letzte Begehung, zu einem ominösen, bisher unbestiegenen Nordgrat, ein äußerst waghalsiges und riskantes Unternehmen, trifft dabei eine Frau, sie verlieben sich, wollen zusammenbleiben, er geht trotzdem, denkt er müsse sich und der Welt etwas beweisen. Frisch schafft es zwar zu zeigen, dass es einen Widerspruch geben muss, irgendein schlechtes in der Gesellschaft, ein Riss, der durch den Einzelnen, den Helden geht und ihn in eine existenzielle Krise treibt, ja sogar zu zerreißen droht und diesen dazu bringt den Tod in den Bergen zu riskieren. Was den Widerspruch jedoch ausmacht bzw. woraus dieser hervorgeht wird weggewischt im Moment der Rückkehr des gezeichneten Helden, und damit der Läuterung, als toter Lebendiger oder lebendiger Toter, wie es Peter von Matt in seinem Nachwort formulierte. Frisch entschied in seinem eigenen Leben zugunsten der geregelten Verhältnisse als Architekt und zuungunsten der Literatur. In einer treffenden Rezension der NZZ heißt es dazu passend: »In der Berghütte von der Geliebten und von seiner Verlobten zur Ruhe gebettet, denkt Leuthold noch halb wachend daran, dass er auch als Arm- und Fussamputierter ein guter Ehemann, Lehrer und Vater sein könne, ehe er «mit neuer Sehnsucht und mit wissendem Herzen» in den Schlaf des Gerechten fällt. Es ist diese Figur, die sich der angehende Architekt Max Frisch als Menetekel an die Nordwand seiner eigenen Existenz zeichnet.«

Robert Steiners Darstellung des Extremalpinimus

Ungleich spannender, geradezu extrem fesselnd und dabei gleichzeitig von mitunter großer Tiefe war Continue reading