Der Bauwahn geht weiter. Teil 2

Fortsetzung von Der Bauwahn geht weiter

In der taz hatte ich vor zwei Jahren das Skifahren als Auslaufmodell bezeichnet. D.h. natürlich genau genommen, den Skipistenbetrieb und den darauf basierenden Wintertourismus. Als Auslaufmodell???
Ja, denn der Pisten- und Seilbahnbetrieb muss gegen die steigenden natürlichen Widerstände hinweg aufrecht erhalten werden: also konkret, vor allem, die global steigenden Temperaturen, die natürlich auch die Zukunft des Wintertourismus in den Alpen in Frage stellen. Skipiste am Stubaier Gletscherrest

Doch geht man nach den aktuellen Seilbahn-Baustellen, muss meine Behauptung wohl als unhaltbar angesehen werden. Denn statt Rückbau wird fleißig weiter gebaut.

Ein Artikel auf dem Online-Portal der sehr guten Zeitung Kronen Zeitung zeigt, wo neu gebaut oder erweitert wird: nämlich nicht nur in Kühtai oder Tulfes, sondern etwa auch in Berwang am Thaneller oder in Sölden, wo interessanterweise ein Lift versetzt werden musste, weil der Eisschwund zu groß wurde. “Diese Orte trotzen Corona” lautet die Überschrift, aber richtiger wäre wohl gewesen “Diese Orte trotzen der Natur” oder “Diese Orte trotzen dem Klima”.

Nun sind es nicht nur die steigenden Temperaturen, die den Pistenbetreibern Sorgen bereiten, sondern ebensosehr die steigenden Ansprüche der Gäste. Doch es gibt kein technisches (oder auch gesellschaftliches oder ökologisches) Problem, für das sich nicht auch eine technische Lösung findet. Und so wollen manche Investoren, wie ich in dem genannten Artikel auch geschrieben hatte, noch “mitnehmen, was sie kriegen können.” Denn noch scheint es sich zu lohnen:


Man rechnet, dass sich eine neue Skipiste und die zugehörigen Anlagen in 15 bis 20 Jahren amortisieren. In den Augen vieler Investoren ist das offenbar noch genügend Zeit. Dabei geraten vor allem die kleineren Skigebiete unter Zugzwang, nachzurüsten, um nicht unterzugehen. Denn die Ansprüche der Kunden sind gestiegen, wie der Geograf Robert Steiger meint. Er forscht über den Klimawandel im bayerischen Alpenraum und sagt: »Pisten, die nicht komplett makellos sind, sind heutzutage undenkbar.« Die objektiven Bedingungen werden also schwieriger, während der Leistungsdruck steigt.

Die große Landnahme

Gewiss haben das Skifahren und die Wintergäste den Tälern der Alpen und ihren Gemeinden einen gewissen Wohlstand gebracht. Schließlich handelte es sich bei den meisten davon doch wohl um eher verschlafene, von Almwirtschaft geprägte Dörfer. Erst ab den 1950er Jahren, so richtig aber erst in den 60er und 70er Jahren begannen der Skitourismus und seine Gastgeberorte zu florieren.
All das wurde erst durch den massiven Bau von Seilbahnen ermöglicht, der allerdings einen rasant steigenden Flächenverbrauch bedeutete – eine gewaltige Landnahme muss man aus heutiger Sicht wohl sagen. Damit einher ging ein ebenso beschleunigtes Wachstum des Lebensstandards und der Bevölkerung in den ländlichen, bis dato eher dünn besiedelten Gebieten der Alpen.

Bereits 1975 war der Skitourismus ein riesiges Geschäft geworden, das noch immenses Wachstum versprach, wie auch der SPIEGEL berichtete:

Der weltweite Markt wächst nach dem Schneeballprinzip: Von fünf Millionen (1950) kletterte die Zahl der Skiläufer auf 35 Millionen, die für Winterreise und Aufenthalt jährlich ungefähr 28 Milliarden Mark ausgeben. Ebenso wuchs die Zahl der Winterherbergen, der Skilehrer – allein auf 10.000 in den Alpen –, der Lifts und Seilbahnen. In den Alpen surren 8.000 sogenannte Aufstiegshilfen, die meisten (3277) in Österreich. In der ganzen Welt stehen 15.800; sie können stündlich neun Millionen Menschen liften.

Immerhin mit kritischem Impetus, denn genauso stellt der Artikel zudem fest: “Tatsächlich versucht die Branche, den Konsumenten nach Kräften zu manipulieren.”

Seither ist die Zahl der Lifte wohl sogar gesunken, wenn man der Wirtschaftskammer Österreich glauben mag:

Heute sind die österreichischen Seilbahnen mit über 2.900 Anlagen (253 Seilbahnunternehmungen und 550 Schleppliftunternehmungen) der Motor für den gesamten Wintertourismus. Die Anzahl der Seilbahnanlagen ist rückläufig, parallel dazu steigt jedoch jährlich die Anzahl der Beförderungen. Grund dafür ist der Ersatz von Schleppliften durch moderne, komfortable Aufstiegshilfen mit höherer Kapazität. …

Den alpinen Wintersportlern stehen heute in Österreich 23.700 ha an Pistenfläche zur Verfügung. Durch moderne Beschneiungsanlagen ist auf über 70 % der gesamten österreichischen Pistenfläche ein gefahrloser Skibetrieb bis Saisonende garantiert. Für die Sicherheit und den Komfort der Pisten sind spätnachts und frühmorgens über 1.000 Pistengeräte im vollen Einsatz.

Das große Wettrüsten

Wo Seilbahnen als Motoren des Tourismus gelten, drückt sich vielleicht generell ein Faible für Maschinen aus. Für manche Regionen bildet dieser Tourismus jedenfalls das ökonomische Rückgrat, ja, manche Orte sind durch ihn überhaupt erst zu mehr als “Fliegendreck auf der Landkarte” geworden.
Schon in der Phase der Entwicklung zum Massenphänomen waren die Tourismus- und die Sportartikel-Industrie eng miteinander verwoben, wie auch in genanntem SPIEGEL-Artikel geschildert wird. Beide Sektoren wurden (und werden auch heute noch) befeuert vom internationalen Profi-Skisport und waren zugleich von ihm abhängig, denn “Nationalmannschaften werben für die einheimische Wintersport-Industrie, vor allem um Wintertouristen für ihr Land”. Zur Erinnerung: 1964 und 1976 fanden die olympischen Winterspiele in Innsbruck statt. In beiden Branchen – Profisport und Skisport-Markt – herrschte bereits eine harte Konkurrenz, sodass der SPIEGEL gar schrieb, “die Mobilmachung im Winterkrieg hat begonnen”.


»Es ist Krieg: Wirtschaftskrieg«, beschrieb der österreichische Wintersport-Experte Martin Maier den alpinen Rennsport. Sollten die Österreicher leer ausgehen, vergleicht Maier, wäre Napoleons Waterloo »dagegen eine kleine Wirtshausrauferei«.

Nur findet der Wirtschaftskrieg mittlerweile vor allem zwischen den Tourismus-Destinationen statt, die ja auch moderne Wirtschaftsunternehmen sind, sekundiert von den Seilbahn-Gesellschaften. Allesamt buhlen sie um die zahlungskräftigen Gäste und im allgemeinen Wettrüsten schrecken sie vor keiner Materialschlacht zurück.
Natürlich ist es nachvollziehbar und nicht überraschend, dass die zu einem passablen Wohlstand gekommenen Alpenbewohner*innen sich diesen bewahren wollen. Da kommen kommen in Anbetracht des Klimanotstands bei vielen bereits Verlust- und Abstiegsängste auf.
Davon abgesehen sind die Seilbahn-Konsortien mittlerweile zu solch großen und mächtigen Playern angewachsen, dass sie ohnehin machen können, was sie wollen, da niemand mehr wirkliche Kontrolle über sie ausüben kann, und die Verstrickungen mit der Politik und der Kreis derer, die von ihnen scheinbar oder tatsächlich profitieren, unüberschaubar geworden ist.

Die große Verarschung

Tatsächlich ist dieser ganze Zusammenhang noch gar nicht so alt. Dennoch tun einige Tourismus-Destionationen gerade so, als wäre dort schon immer Ski gefahren, das Skifahren dort erfunden, oder zumindest entscheidend geprägt worden, wie ein etwas amüsanter Artikel in der SZ berichtet. Etwaige Ansprüche erheben zum Beispiel St. Moritz, Saas-Fee und die Arlberg-Region. Denn Tradition verkauft sich gut. Oder alles verkauft sich besser mit ein Bisschen Tradition. Kreatives Marketing wurde das genannt, wenn man der geeigneten, oder vielmehr: gewünschten, Wahrheit ein wenig nachhelfen möchte, ein wenig unter die Arme greifen möchte.

Robbie Williams kann man buchen, Rampen lassen sich formen, und der Schnee kommt notfalls aus Kanonen. Nur das mit der Tradition ist nicht so einfach. Die Zeit lässt sich schließlich auch mit Bergen von Geld noch immer nicht um Jahrzehnte zurückdrehen oder gar bis 1864. Dabei ist die Tradition gerade ein echter Renner, eigentlich kann man gar nicht genug davon haben. Sie scheint eines der wenigen Mittel zu sein, um sich irgendwie abzuheben von den gleichförmigen Angeboten. Am besten, der Ort hat gleich den ganzen Wintersport erfunden. Oder zumindest das Skifahren.

Und tatsächlich, die Branche manipuliert die Konsument*innen auch heute noch nach Strich und Faden, nein, mehr denn je, und diese wollen das ja auch genau so. Ein aufschlussreiches Beispiel stellt eine Reportage in der WILDSPITZE (2017) dar – dem touristischen Magazin des Ötztals. Voller Stolz wird dort von den gigantischen technischen Dimensionen des Pistenbetriebs und vor allem der technischen Beschneiung (nicht der künstlichen Beschneiung, darauf legen die Techniker wert) geschwärmt: 55 Pistenbullys und 800 Schneekanonen und -lanzen besorgen in den verschidenen Skigebieten im Ötztal die Beschneiung und Präparierung der Pisten, die meisten davon in Sölden. Die Pistengeräte, so scheint es, sind überhaupt das Lieblingsspielzeug der Seilbahn-Männer. Der Verbrauch eines durschnittlichen, etwa 400 PS starken Pistenbully liegt bei 20 bis 32 Liter Diesel pro Stunde, also weit über Hundert Liter pro Einsatztag. Der Artikel spricht in seinem hemmungslosen Hang zur Zahlen-Megalomanie gar von tausend Litern Diesel pro Tag – da dürfte wohl eine Null (oder ein Promille) zu viel im Spiel gewesen sein – wohlgemerkt ohne auch nur einen Hauch von Wertung oder kritischer Kontextualisierung. Die undistanzierte, aus Begeisterung hervorgehende Darstellung, die nahtlos in bloßes sich-Ergötzen am technischen Faktum übergeht, zeigt, dass es sich hierbei nicht mal mehr um eine Grauzone zwischen Marketing und Journalismus handelt, sondern um eine schlicht ganz, ganz dunkle Zone geistloser Werbetextfabrikation von seelenlosen PR-Agent*innen.
Laut dem Journal der Bergbahnen Sölden Die Bahnen – einem weiteren Texterzeugnis mit ganz ähnlich dubiosem Hintergrund – leistet ein solcher Pistenbully bis zu 1600 Arbeitsstunden pro Jahr. Nach sechs bis sieben Jahren müssen die Fahrzeuge wegen Verschleiß ersetzt werden, von denen allein Sölden über 26 Stück verfügt. Wie oben zitiert, sind über tausend solcher Pistengeräte in Österreich im Einsatz. Das macht 100.000 Liter Diesel pro Einsatztag, und die übliche betriebswirtschaftliche Rechnung für ein Skigebiet lautet, dass es ab etwa 100 Betriebstagen pro Jahr rentabel ist.
Der Einsatz in diesem Spiel steigt, wie auch die WILDSPITZE im allgemeinen Blabla zusammenhanglos aneinandergereihter Aussagen zu berichten weiß:

Auch der Wind ist ein Faktor geworden. Pistenpräparierung entspringt einer komplexen Gemengelage. Die Ansprüche der Gäste steigen. Die Technik wird besser, aber auch teurer. Die ökologischen Rahmenbedingungen verändern sich, einerseits durch ungewohnte Witterungsmuster (!), andererseits durch strengere Behördenvorschriften. Unter diesen Voraussetzungen gehen die Pioniere der Pistenpräparierung täglich an ihre Arbeit, um der Natur unter die Arme zu greifen.

Das ist wahrscheinlich der dümmste Euphemismus, den ich je gelesen habe.

Am Glungezer lässt man sich derweil nicht aus der Ruhe bringen. Auch von Corona nicht, und die Baustelle soll, mit oder ohne Zeitdruck, pünktlich zu Saison-Beginn fertig werden. „Wir haben die Wasserteiche fertig. Ein kleiner Ruhepol für Familien ist hier entstanden”, wird Geschäftsführer Höllwarth auf meinbezirk.at zitiert.

So sieht es aus, wenn ein neuer Ruhepol entsteht.  © Glungezerbahn

 

Ein fertiger Ruhepo(o)l für Familien

Ein fertiger Ruhepo(o)l für Familien. © Glungezerbahn

 

 

 

 

One thought on “Der Bauwahn geht weiter. Teil 2

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