Interview with Ueli Steck

As promised, here is the English translation of the interview I led with Ueli Steck one year ago at the IMS in Brixen. It’s the translation of the shorter version as it appeared in ALPIN. At first, I talked with him about an incident at Mount Everest, in which he was violently attacked by sherpas in an angry dispute.

After the incident at Mount Everest you departed immediately. How did you continue after the return?

It was all just too much! You have to imagine: journalists knock at your door at eight in the morning, demanding an interview. But I am not keen on talking with them. They are just waiting for a chance to criticize you. I seriously considered to jack it all in, to go climbing only for myself. Period.

On your website you expressed your disappointment about the happenings at Everest. How has that incident changed you?

It has changed all my life. It’s hard for me since, to get involved with people. A lot of confidence is lost and will not come back very soon. I am so sick of the entire mechanism of the media that started afterwards. I will never forget that and I cannot undo that. But now it has happened and I have to deal with it.

After all the discussing, your record ascent on Mont Blanc came like a coup.

Maybe. But after Everest I was not keen on talking with anyone. The problem is that I can’t just hide. At Mont-Blanc I was just climbing and had a fantastic day. It wasn’t about the records. In the last time everything is being reduced to records. But what’s the difference in whether you take 16 or 17 hours? It very much depends on the conditions. For me the decisive point was: to start in Courmayeur, to go via Peuterey (to the summit of Mt. Blanc, t.a.) and on the other side back down into the valley – if possible, in one day. I didn’t want it to become a matter of record-hunting again, so I downplayed the story a little bit.

Was there pressure by the sponsors?

There certainly is pressure, we must not blandish anything here. If you want sponsors you have to achieve something. Otherwise you won’t get another contract in the next negotiations. And often I have to slow the sponsors down a bit. Of course, they want to see something immediately. You are talking to marketing people there and as an athlete you have to be careful.

Nevertheless you had decided relatively soon to return to Nepal and with Annapurna to try an 8000m peak.

Sure, after Everest there were doubts. But the experience on Peuterey did show me: climbing is what brings fun to me. I thought, if I stop climbing now, then everything goes down with me.

And Annapurna has been a project for me already for a long time. But one thing I certainly know now, too: I only go climbing for myself and everyone can form his opinion about that.

Have you had the thought of quitting your career as early as, for example, Walter Bonatti?

After the Everest incident of course there were thoughts like “Now I’m completely fed up”. But I knew: If I quit in a moment like that, I would blame myself for the rest of my life. Walter Bonatti was an idol for me – he said: “Now I have reached my zenith and now I quit.”

Admirable.

That’s admirable, in fact! And I think that’s what is missing in alpinism. There are many climbers who have in a way reached their zenith and extend their career artificially. I want to avoid that. Mountaineering is not a competitive sports. When as a hundred meter sprinter don’t bring your performance you just don’t get to the finale. But in mountaineering you still can sell an expedition as an act of madness. And a climb like that on Annapurna can’t be done ten times, you won’t survive that. Bonatti moved within a range of which he knew: If I continue here, this will go wrong.

Steve House, too, has accepted that now, I think. I don’t want to put the words in his mouth, but for his achievement in 2005 on Nanga Parbat he had worked a lot. And that was a gigantic success. But you will do something like that only once in a career. After that, you have to be able to put it behind and accept that.

What does that mean for you?

For me, that’s the point where I have to be careful. It doesn’t go on like that forever, I cannot enhance myself infinitely. And this could also mean that I want to protect myself. If you always act in this dangerous field, it will go wrong eventually.

IMS 2014 – Immenses Marketing Spektakel #6

Die 6. Ausgabe des innerhalb der letzten Jahre immens gewachsenen Marketing- und Medienspektakels des “International Mountain Summit” ist Anfang dieser Woche in Brixen zu Ende gegangen. Es gab wieder viele spannende Vorträge und Diskussionen. Hervorzuheben ist neben Veranstaltungen zu Doping im Bergsport und der Diskussion um Alpinismus und Publicity in der diesjährigen Ausgabe etwa ein Symposium mit dem Titel “Recht auf Berge”, in dem der Zugang zu den Bergen für Behinderte erörtert wurde.

Berge für alle? Recht auf Berge?

Erziehungswissenschaftler Dr. Sascha Plangger von der Uni Innsbruck sah in diesem Bereich v.a. Probleme bei der Kommunikation mit Behinderten. Viele Außenstehende würden Betroffenen vor allem mit Mitleid begegnen. Außerdem werde in den Medien sehr oft sensationslustig über Behinderte berichtet, die in den Bergen unterwegs sind. Dabei habe diese Darstellung nichts mit der Realität zu tun. Wichtig sei es stattdessen vor allem, den Einzelnen zu unterstützen und in seiner Freiheit und Teilhabe zu fördern.

Die in der Podiumsdiskussion aufgekommene Frage an Martin Telser, ob es von Seiten der Behindertenverbände eine Forderung oder den Wunsch nach einem Recht auf Zugänglichkeit der Berge für alle gibt, stellte sich für diesen gar nicht erst. Für Telser gibt es das Grundrecht auf Zugänglichkeit schon, nämlich als gesetzlich verankertes und als nur noch durch technische Verbesserungen zu erfüllendes. Das Potential für Verbesserungen sah er allerdings als vorhanden an. Auch der geladene Vertreter der Landesregierung meint, der “status quo” wäre diesbezgl. noch zu erreichen. Das Fazit: es sollte keine Scheu davor geben, auch als Behinderter in und auf die Berge zu gehen oder einen Anspruch darauf geltend zu machen. Außerdem solle man sich daran orientieren, wo entweder möglichst weitgehende freie Zugänglichkeit der Berge oder entsprechende Alternativen vorhanden seien.

IMS 2014 Kongress "Berge für alle"

IMS 2014 Kongress “Berge für alle” © Jürgen Kössler

Die Dachmarke Südtirol wirbt nicht explizit um Behinderte als Zielgruppe, da dies nicht notwendig sei. Ziel müsse eher sein, dass Interessierte bei ihrer Recherche, wie es der Marketing-Vertreter nannte: “Suchmaschinen-technisch” leichter auf Südtirol stoßen.

Wie ehrlich ist der Bergsport? Symposium zu Doping und Medikamentenmissbrauch

In der IMS Pressemitteilung hieß es hierzu: Continue reading

»Irgendwann geht das schief« – Interview mit Ueli Steck

Vor ziemlich genau einem Jahr hatte ich das Glück, Ueli Steck für ein Interview, das in ALPIN 3/2014 erschienen ist, zu seinen Erlebnissen im Himalaya befragen zu können. Damals war er gerade frisch von seiner Solo-Begehung der Annapurna Südwand (in 28 Stunden) zurück gekommen. Ein paar Wochen zuvor hatte er schon  in einer fantastischen Zeit von 16 Stunden den Mont Blanc von Courmayeur aus Richtung Chamonix über den kompletten Peuterey-Grat (“Peuterey Intégral”) überschritten. Welchen Stellenwert diese Begehung in seiner Karriere hatte und was sie für seine Zukunft bedeuten, über das Medienecho nach dem Sherpa-Streit am Everest und die Bedeutung des großen Risikos bei seinen Touren und sein zukünftiger Umgang damit, darüber gab er Auskunft, ebenso wie über den Druck von Sponsoren.

 

Im Mai 2013 gab es diesen Vorfall am Everest, bei dem einige aufgebrachte Sherpas dich und deinen Seilpartner Simone Moro körperlich angegriffen und mit dem Tod bedroht haben. In den Medien wurde das kontrovers diskutiert und du wurdest sehr kritisiert.

Einige Wochen später hast du den kompletten Peuterey-Grat am Mont Blanc (Peuterey Integral) bestiegen, auch in neuer Rekord-Zeit. Auf deiner Homepage war die Beschreibung eher witzig gehalten und von understatement geprägt. Aber ein kleiner Paukenschlag war diese Begehung ja schon. Wolltest du damit auch zeigen, dass es dich noch gibt und dass du dich nicht unterkriegen lässt von den schlechten Erfahrungen und von der negativen Presse, die nach dem Everest-Vorfall herrschte?

 

Nein, absolut nicht, ich war da einfach Bergsteigen und hatte einen fantastischen Tag.Ueli Steck

Außerdem wird in letzter Zeit alles auf diese Rekordzeiten reduziert!

Aber ob man da 16 Stunden oder 17 Stunden braucht ändert eigentlich nicht viel. Es hängt ja immer auch von den Bedingungen ab. Deshalb wollte ich nicht, dass es wieder so um diese Rekordjagd geht und habe es ein bisschen runtergespielt.

Es war für mich auch nicht entscheidend, diesen Rekord zu machen. Für mich war das wichtigste: in Courmayeur starten, über den Peuterey und wieder auf der anderen Seite ins Tal runter – wenn’s geht in einem Tag. Das ist großartig und ich hatte einen der besten Tage in meinem Leben.

Aber ich kann dir auch ehrlich sagen: nach dem Everest hatte ich keine Lust mehr Continue reading

Lawine unter Ueli Steck – Im Himalya wieder dem Tode entronnen? Zwei Bergsteiger verschollen

Ueli Steck war vor kurzem wieder im Himalaya unterwegs. Und wieder ist er – wie schon 2013 beim Zusammenstoß  mit wütenden Sherpas – dabei offenbar nicht sehr weit am Tode vorbei geschrammt, wie er auf seiner Homepage berichtete und wenig später auch in einem Interview der Schweizer Sonntagszeitung mitteilte:

Ich hielt mich mit Bergsteigerkollege Benedikt Böhm weiter oben am Berg auf, als sich plötzlich ein Schneebrett löste und die drei Leute unter uns, Sebastian Haag, Andrea Zambaldi und Martin Maier mitriss. Das Schneebrett löste sich fast geräuschlos. Es war gespenstisch.

Das Ziel der Expedition, an der Steck nicht teilnahm, war es, innerhalb von sieben Tagen die beiden Achttausender Shisha Pangma und Cho Oyu zu besteigen, auf Skiern abzufahren und die dazwischen liegenden 170 Kilometer mit dem Mountainbike zurückzulegen.

Steck meinte, es sei zugleich ein gutes, aber auch komisches Gefühl, zwar der Lawine entgangen zu sein. Aber zwei Kollegen seien plötzlich nicht mehr da. Bericht über die Lawine heißt es auf seiner Homepage:

»Maier, der als einziger den Absturz überlebte, erreichte noch in der Nacht das Lager 3 aus eigenen Kräften. Am 25.09.2014 wurde er von einem Sherpa Rettungsteam von dort geborgen. Haag und Zambaldi bleiben weiterhin am Berg vermisst.«

Vor einem Jahr gestand mir Ueli Steck in einem Interview noch persönlich, dass man Alpinismus auf einer Höhe, wie er ihn betreibt, nicht ewig weiterführen könne:

Wenn ich da weitermache, dann geht das irgendwann schief.

Weshalb er sich auch überlegen müsse, wie das weitergeht und ob er sich nicht selbst sogar etwas mehr schützen müsse.

“Glück gehabt”, kann man also wohl feststellen, wenn Steck so unversehrt davongekommen ist. Ob er seine Speed-Besteigung des Shisha Pangma wieder versuchen wird, bleibt noch offen.

Das ganze Interview, das in ALPIN 4/2014 erschienen ist, gibt es morgen hier zu lesen.

Außerdem folgen in den nächsten Tagen – wie die letzten beiden Jahre auch – Berichte vom International Mountain Summit in Brixen.

“You don’t have that many chances to do things you love” – Interview with Alexander Polli

Alexander Polli“Crazy dude!” is what he thought when he saw the first wingsuit flying video. Later, he made his dream come true and now is that crazy dude himself. He even flew through a rock hole. One could call him crazy for that and rightly so. Since that flight he is somehow famous in his sports. But what he should rather be described with, is: inspiring. Since his childhood, his passion for sports as well as for the unusual lead him to one of the most deeply engaged and adventurous ways of using lifetime – flying through the air – a passion that was influenced and supported by his parents, too. At the International Mountain Summit in October in Brixen he held an emotional and rousing speech, explaining what makes up this passion, how wingsuit-flying works and why this is his life. He won the hearts of most of the audience within the first minutes. There I had the lucky opportunity to have an interview with Alexander. Read here, why his sports is not extreme, but rather an attitude of living life with full force. Continue reading

Everest – Ereignisreicher Saisonstart

Ende diesen Monats jährt sich die Erstbesteigung des Mount Everest zum 60. Mal und es zeichnet sich ab, dass nach dem katastrophalen letzen Jahr wieder eine ereignisreiche Everest-Saison begonnen hat. Bereits der Feiertag 8. Mai war ein kleiner Jahrestag – der 35. der ersten Besteigung des Everest ohne künstlichen Sauerstoff durch Peter Habeler und Reinhold Messner. Hier gibt es ein sehr lesenswertes Interview mit Habeler sowie dem damaligen Expeditionsleiter Wolfgang Nairz. Drei Tage später stand damals außerdem Reinhard Karl als erster Deutscher Bundesbürger, zusammen mit Oswald Oelz auf dem Everest – zwei der faszinierendesten Bergsteiger-Persönlichkeiten, wie etwa auch auf dem blog Abenteuer Sport zu lesen ist. (1)

Steck und Moro am Everest angegriffenUeli Steck

Es ist nun schon einige Tage her, dass Ueli Steck und Simone Moro am Mount Everest von einer Menge aufgebrachter Sherpas angegriffen wurden, nachdem sie Eischlag ausgelöst haben sollen, während sie einige beim Verlegen von Fixseilen tätige Sherpas überholt hatten.

In einem Interview mit dem SPIEGEL schilder Steck die Situation so:

“Uns wurde vorgeworfen, einen Eisschlag ausgelöst zu haben, ein Sherpa soll dadurch verletzt worden sein”, sagt Steck. “Das ist Quatsch, wir haben keinen Zentimeter Eis losgetreten.” Continue reading

Rückblick – Teil 4: IMS (#2)

Meine Nachlese greift nunmehr zurück sogar noch über das Jahr 2012 hinaus. Ich möchte hier noch auf den IMS 2011 eingehen und zwar aus dem einfachen Grunde, weil dort drei überaus spannende und lehrreiche Diskussionen geführt wurden, die zudem thematisch auch anschließen an meine letzten Artikel. Die erste drehte sich um das Thema Berge und Medien, Titel: „Showbühne Berg“. Das Podium ist hauptsächlich mit Männern aus den Medien besetzt: Erwin Brunner (Chefredakteur National Geographic), Bene Benedict (Chefredakteur Alpin), Giorgio Vivalda (Verleger und Filmproduzent) und Christoph Engl (Jurist, Südtirol-Marketing).

Die Diskussion beginnt Moderator Florian Rudig mit der Frage, ob es eine Art von “Showalpinismus” gibt und wenn ja, wo dieser anfängt. Das Podium ist sich jedoch relativ einig, dass die Show zum Alpinismus, wie zu jeder anderen Sportart auch, einfach dazugehört – man rede ja auch nicht vom “Show-Radfahren”, meinte etwa Christoph Engl. Man ist sich auf dem Podium jedoch mit Reinhold Messner, der via Audio-Beitrag zu Wort kam, weitgehend einig in der Forderung, bei Filmen oder anderen Medien kenntlich zu machen, ob diese eine sportliche Leistung, eine Expedition, etc. dokumentieren oder ob sie teils oder vollständig gespielt sind und nur bzw. vornehmlich der Unterhaltung dienen. Continue reading

Rückblick 2012 – Teil 3: IMS (#1)

Der IMS 2012 selbst, war inhaltlich, meiner Meinung nach, nur mäßig ergiebig, gleichwohl teils sehr interessant und mehr noch amüsant. So gab es z.B. ein sehr prominent und unterhaltsam besetztes Podium zum Thema Scheitern und Misserfolg in den Bergen wie in der Wirtschaft. Reinhold Messner referierte spannend über Misserfolge der Welt-Abenteurer-Geschichte, um letzlich in Beschimpfungen gegen ein Südtiroler Medienmonopol abzugleiten, Ex-Ski-Abfahrer Marc Girardelli sprach äußerst aufschlussreich von seinen sportlichen wie wirtschaftlichen Misserfolgen und wie er danach bzw. mitunter auch dadurch wieder Auftrieb fand, und Achttausender-Queen Edurne Pasaban inspirierte mit ihren Erfahrungen aus misglückten Expeditionen.
Die einzelnen Vorträge kann man sich hier anhören.

Ein anderer interessanter Kongress hatte zum Thema “Die Freiheit in den Bergen – die Freiheit der eigenen Entscheidungen” und sollte um das Themenfeld Bergsteigen und Gesellschaft, individuelle Freiheit und Sicherheit kreisen.
Der Moderator Alessandro Gogna, stellte in seiner Einleitung die Frage, ob das Bergfieber, das viele Alpinisten verfolgt, tatsächlich eine Form von Oswald Oelz beim IMS 2012 (www.airfreshing.com)Freiheit, sondern nicht viel mehr eigentlich eine Form von Gefangenschaft ist. Er charakterisiert moderne Gesellschaften als “Sicherheitsgesellschaften”, attestiert ihnen sogar, es werde in ihnen Sicherheit durch Gesetze aufgezwungen. Das schlägt sich auch in der Bergwelt nieder. So werden in Italien aktuell Pläne diskutiert, wonach auf Ski-Pisten Ausweise verlangt werden sollten, die das Können der Ski-Fahrer bestätigten. Eine andere aktuelle Entwicklung, die der Thematik in gewissem Sinne zugrunde liegt, ist eine längere Debatte in Südtirol über rechtliche Belange des Winter- bzw. Bergsports und eine Verschärfung der gesetzlichen Lage beim Verursachen von Lawinen.(1)

Leider waren die Vorträge des Anthropologen und ehemaligem CAI-Präsidenten Hannibale Salsa, des Philosophen Giulio Giorello und zweier Rechtswissenschaftler eher unergiebig; der deutschen Synchron-Übersetzung war aber zugegebenermaßen auch nur schwierig zu folgen.

Ein wesentlich interessanterer Vortrag, und wahrscheinlich der hörenswerteste überhaupt auf diesem Kongress wurde dann aber von dem bekannten Extrembergsteiger und Arzt Oswald Oelz in deutscher Sprache gehalten.
Zwar teils etwas verworren und sehr emotional, wetterte er knallhart und sehr polemisch Continue reading

Rückblick 2012 – Teil 2: Everest-Saison

In vergangenen Jahr gab es so viele Tote am Mount Everest wie seit Mt._Everest_from_Gokyo_Ri_November_5,_2012_Cropped1996 nicht mehr, was neben zuerst anhaltend ungünstiger Witterung wohl v.a. daran lag, dass der Andrang am Everest immer mehr zunimmt und dabei der Anteil an völlig unbedarften und unerfahrenen AspirantInnen enorm gestiegen ist. Die FAZ betitelte treffend den „Gipfel der Eitelkeiten“, 14-Achttausender-Sammler Ralf Dujmovits war entsetzt über die „menschliche Schlange“ von 600 „Hobby-Bergsteigern“, der Schweizer Extrembergsteiger Ueli Steck, der den Gipfel ohne zusätzlichen Sauerstoff und als einer der ersten im jenem Mai erreichte, sagte: „das war wirklich krass“.

Das Zeitfenster, das Besteigungen zulässt ist am Everest nur sehr klein, es sind ein paar Wochen im April und im Mai – bevor der Monsun beginnt -, in denen das Wetter dann auch stimmen muss. Das Gedränge war 2012 besonders groß, und lange Wartezeiten an Engstellen hatten wohl ihren Anteil an den hohen Opferzahlen, es kommt dort dann zu regelrechten Verkehrsstaus . In einem Video  kann man die BergsteigerInnen wie an einer Perlenkette aufgereiht, in einer schier endlosen Schlange sehen.
In einem anderen sehr interessanten Interview  im Schweizer Tagesanzeiger, spricht Ueli Steck auch über die anfängliche Auslassung 4 toter Sherpas in den Berichten über die Todesfälle.
Bemerkenswert: ein unterhalb vom Gipfel „Liegengebliebener“ überlebte 4 Nächte in der Todeszone und wollte bei seiner Bergung noch auf den Gipfel. (-> SPIEGEL)

In einem längeren, sehr lesenswerten Artikel mit dem Titel „Der Stau“ befasst sich der SPIEGEL ebenfalls mit den Geschehnissen, den fatalen Staus und den Bergungseinsätzen, dem Drumherum im Basislager, einigen unglaublichen Auswüchsen, z.B. dem New Yorker, der ein Fahrrad auf den Gipfel tragen wollte, einer Armprothese mit eingebautem Eispickel und anderen skurrilen Rekordversuchen.

Auch sehr lesenswert ist Jon Krakauers Buch „In eisige Höhen“. Es legt eindrucksvoll Zeugnis über den Massentourimus am Everest und die katastrophalen Geschehnisse der Expeditionen des Jahres 1996 ab, die denen des Mai 2012 teils erschreckend ähnlich sind, wie auch über die Charaktere, die es auf den Berg hinauftreibt:

»Unglücklicherweise sind gerade jene, die darauf programmiert sind, Schmerzen einfach zu ignorieren und immer weiter gen Gipfel zu steigen, regelmäßig auch darauf programmiert, die Zeichen großer, nahe bevorstehender Gefahren zu übersehen. Dem entspringt ein zentrales Dilemma, in dem sich jeder Everest-Bergsteiger irgendwann befinden wird: Nur wer extrem motiviert ist, kommt durch, aber wer übermotiviert ist, findet möglicherweise den Tod. Darüber hinaus wird in Höhen über 8000 Meter die Trennungslinie zwischen angemessenem Eifer und versessenem Gipfelfieber immer dünner. Kein Wunder also, daß die Flanken des Everest von Leichen übersät sind.«

 

Die Stimmen, die eine Begrenzung der Zahl an Besteigungen des Everest fordern, werden – auch nach den fatalen Ereginissen im vergangenen Mai – immer mehr. Für das wirtschaftlich arme Land Nepal sind die Gebühren, die für eine Besteigung zu entrichten sind allerdings eine immens wichtige Einnahmequelle, weshalb sich wohl auch in Zukunft nichts am Ansturm auf den Everest ändern wird.

Rückblick 2012 – Teil 1: “Quo CLIMBis?”

Wie angekündigt beginne ich das neue Jahr mit einem kleinen Rückblick auf das Jahr 2012. Für mich sind ja nun weniger konkrete Expeditionen, Gipfelerfolge, Tourenberichte – seien es eigene oder die von anderen – interessant, und schon gar nicht Berichte über irgendwelche Bergregionen, in denen man besonders gut wandern oder klettern kann, sondern mich interessieren vielmehr Medien, Geschichten und Ereignisse, in/bei denen sich Menschen über die Natur oder die Berge bzw. ihr Verhältnis zu ihnen äußern. Deshalb wird der International Mountain Summit (IMS), der im Oktober 2012 in Brixen zum vierten Mal stattfand relativ viel Raum in diesem Rückblick einnehmen. Der Gipfel versammelte wieder einige Größen der Bergsport-Szene sowie ein sehr unterschiedlich großes (Fach-)Publikum, um aktuelle und wichtige Themen zu diskutieren, ins Gespräch zu kommen und ein gutes Maß sich selbst zu feiern. Deshalb also eine etwas verspätete Nachlese.

Doch zunächst ist zu erwähnen, dass im April  2012 in Reinhold Messners Berg-Museum in Schloss Firmian unter eben seiner Schirmherrschaft und unterstützt durch den IMS ein äußerst bemerkenswertes und man könnte wohl auch sagen: exquisites Treffen von Spitzenalpinisten und JournalistInnen unter dem Motto “Quo CLIMBis?” stattfand, bei dem es darum ging die Zukunft des Alpinismus zu diskutieren. Zu Gast waren u.a. bekannte Bergsteiger wie Hanspeter Eisendle, Roger Schäli und Hervé Barmasse.
Seine Position hat Messner für Lesefaule extra zusammengefasst und man kann sie sich hier anhören. Auf der Tagung übte Messner als Moderator (und offenbar gleichzeitiger Referent) scharfe Kritik an den Alpenvereinen. Sie hätten unermüdlich die Erschließung der Alpen vorangetrieben, zudem sprach er erneut die nationalsozialistische Vergangenheit des DAV an, als dieser Juden den Zugang zu seinen Hütten verwehrt hat, der Verein sei ein “Meister des Aussperrens”. (1) Außerdem kritisierte er den Everest-Tourismus, der 2012 tatsächlich bisher nie dagewesene Ausmaße annahm und – als hätte er es geahnt – katastrophale Folgen zeitigte, worauf ich im nächsten Artikel noch eingehen werde. Messner sprach in diesem Zusammenhang auch von “parasitärem Alpinismus”. Das Fazit dieser Tagung lässt sich wohl wie folgt zusammenfassen: “Der Berg muss wild bleiben”. (2) 408px-Reinhold_Messner_in_Koeln_2009

So richtig seine Kritik und seine Analyse der von mir bereits angesprochenen, widersprüchlichen Politik des DAV ist, so gravierend falsch ist sein Verständnis von Alpinismus. Dieser fange an, wo der Tourimus aufhöre. Messner beklagt genau wie seine zur Tagung geladenen Freunde die Bannung der Gefahren und die Zerstörung der Wildnis in den Alpen wie in den Bergen schlechthin. Continue reading